Dialog - und immer wieder der Koerper der Seele



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Sie (mit verträumter Stimme, nunmehr ohne deutschen Akzent): … und er hat mir meine kleine rote Handtasche zurückgeworfen, mit einem Ohr des Stiers darin.
Er: Ein Ohr? Für Sie?
Sie: Ja, es war ein fabelhafter Stierkampf: er war die Perfektion in Person… an jenem Tag war er einfach wunderbar. Der Präsident hat ihm zwei Ohren zugesprochen. Beide Ohren des Stiers! Hüte flogen – die Menschen brüllten – die Frauen warfen ihre Handtaschen in die Arena. Ich warf mein rotes Handtäschchen. Und er hat sie aufgelesen. Hat zu mir hochgeschaut. Mit dem durchdringenden Blick des Toreros. Die eine Augenbraue hochgezogen. Er deutete eine Verbeugung an. Steckte das Ohr in das rote Täschchen und warf es mir zu. Unsere Blicke kreuzten sich: das Leben und der Tod…
Er (in Gedanken versunken): Ein rotes Handtäschchen… ja, ein rotes Handtäschchen! Ein perfekter Sarg für das Ohr eines perfekten Stiers… flog das Täschchen, flog das Ohr …
Sie (aufgeregt, ungläubig, unschlüssig): Sie?
Er: Ich? Vielleicht… Ich erinnere mich an die Szene… ich war nicht auf den Rängen. Ich sehe die Szene von unten, aus der Arena. Ein blondes, strahlendes Mädchen. Auf den Beinen, die Arme ausgebreitet, um die Trophäe in Empfang zu nehmen.
Sie: Ja, aber dann…
Er: Nichts dann. Es ist nichts bewiesen! Sprechen Sie nicht so. Die könnten uns zuhören (blickt sich erschrocken um)
Sie (behutsam): Ich muss es aber wissen! Wovor haben Sie denn Angst?
Er: Sie wissen genau, meine Dame, wie wir sind… niemand kann sagen, was uns so durch den Kopf geht…
Sie: Aber es ist doch unser Kopf. Das, was uns durch den Kopf geht, ist unsere Sache. Das können sie uns nicht nehmen!
Er: Ach nein? (skeptisch) Ich habe hier Kameraden gesehen, die komplett leer gefegt waren, treudoof wie Salatköpfe…
Sie: Wie können die Ihnen Angst einjagen, wo Sie doch ein Torero sind? Wir haben unsere Geschichte und wenn die kommen, na dann setzen wir wieder unser nettes Gesichtchen im Sinne von „ich glaube, ich habe die Miezekatze gesehen“ auf (ahmt die Stimme des Kanarienvogels Tweety aus den Cartoons nach - Dann, ungeduldig): Na, na jetzt sag schon! Bist du das gewesen, an jenen Tag in der Arena? (Er blickt sich ein letztes Mal um, dann zieht er die Schultern hoch, wie, um „möglich! „“ zu sagen)
Er (senkt die Stimme): Ich muss zugeben, seit meines Sahara-Aufenthalts, habe ich leichte Erinnerungsschwierigkeiten… aufgrund der Bazooka – sie nannten mich deshalb el Bazookero und haben mir zu Ehren sogar einen Cocktail kreiert. Hast du ihn mal probiert?
Sie: Ich glaube nicht. Aber sag doch mal…
Er: Ich sagte dir, dass mir dieses verdammte Rohr durch die eigene Schusskraft einige Ventile gesprengt hat. Ich erinnere mich genau. Doch mir erscheinen die Erinnerungen wie Filme.
Sie (ungeduldig): Aber der Stierkampf, das Ohr…?
Er (endlich, bestimmt): Aber sicher erinnere ich mich! Ein unvergesslicher Tag! Dieser großartige Stier, der mit mir um den Tod tanzte! Und dann du. Alle anderen verschwanden. Es gab nur uns drei. Den Stier, dich und mich… und später in dieser Nacht hast du Klavier gespielt, in der Taverne…
Sie: Ja, man hat mich gebeten, zu spielen… Weißt du noch, was ich gespielt habe?… Bind mich los!
Er bindet sie los.
Sie schält sich aus der Zwangsjacke und eilt zum Klavier. Leidenschaftlich beginnt sie zu spielen.
Er: Ja, genau dieses Lied war es! Die Musik so… bei den Hörnern zu ergreifen! Das war die zweite Trophäe an jenem Tag… und dann, bei Sonnenaufgang: die dritte Trophäe! Sie: Ja, erst die Banderillas… dann, als die Furie in mir erwacht war, hast du dich zurückgezogen… hast dich begehren lassen, uns umkreist, mich kurz mit deinem Mantel berührt… (Er vollführt die Drehung eines Toreros) Sie: Und als du mich endlich durchbohrt hast, war ich bereits tot vor Begierde… Er: Du sagtest, die Liebe ist wie die Musik. Aber sie ist auch wie der Stierkampf. Beim Schlachter wird der Stier getötet und basta. Der Torero hingegen…
Sie: Der Torero hingegen ist der Schönheit geweiht. Er gehorcht auf etwas, das größer ist als er selbst.
Er: Wie beim Musik spielen. Ich weiß! Da geht dieser Funke über. Und du hast das Zeug dazu, ein Torero zu sein. Und es liegt an dir…
Sie (verträumt): … und mich berührtest du mit den Fingern eines Klavierspielers.
Er (zieht die Schultern zurück und nimmt eine stolze Haltung ein): Der Stier gehört nur dir. Sie sind alle da, um die Arena zu füllen, weil sie um die Angst wissen... (elegante Geste mit dem Arm) Die Angst könnte dich auch hastig werden lassen… Und gerade deshalb gönnst du dir die Ruhe. Der Torero muss verführerisch werden wie ein Liebhaber, wie ein Liebhaber, der es versteht, den Genuss hinauszuzögern… er muss, wenn man’s so will, eleganter als ein Balletttänzer werden… Das weiß die Angst!
Sie: Was weiß sie?
Er: Die Angst weiß, dass es diese eleganten Modi sind, die Situation unter Kontrolle halten… die sie verrückt werden lassen! Da die Angst zudem die größte aller Huren ist, treibst du sie zum Wahnsinn, wenn du sie… nur ein einziges Mal… Blut lecken lässt! Du wiederum bleibst ganz ruhig, hältst deinen Stier hin. Provozierst die Angst, umkreist sie, verführst sie, berührst sie an ihrer verwundbarsten Stelle, um dich dann zurückzuziehen. Sie will dich packen, beherrschen, schnell zum Schluss kommen. Doch du ziehst dich zurück, weichst aus. Lässt den Zusammenstoß auf dich zukommen – eine Pirouette und schon bist du außer Reichweite. Das lässt die Menschen toben!
Sie: Mir gefällt Ihre Art, die Liebe zu sehen. Es ist wahr: es braucht Mut, zu lieben. Ich weiß genau, was sie meinen…
Er: Ich sprach von dem Stier…
Sie: In der Liebe braucht es Mut, um in die Arena hinab zu steigen und den eigenen Ängsten und denen des anderen zu begegnen. Es braucht Mut und Stolz. Man muss stolz auf sich selbst sein, sonst funktioniert es nicht. Man muss sich darüber bewusst sein, dass man in dieser Partie unersetzbar ist…
Er: Aber man ist doch kein Fleischrind!
Sie (erregt): Man ist einzigartig! Das ist so großartig! Und auch er muss den Mut haben, sich einzigartig zu fühlen, sonst wird alles schnell zu einer stumpfsinnigen Pantomime… Es war gut, dass Du die Liebe in solche Worte gefasst hast! Das hat mir gut getan. Ich habe mich an jene Nacht erinnert…
Er (zustimmend): … jene Nacht!

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